Und da erschien im lichten Glanz
Der hehre Gral, der Wunderkranz,
Das Gefäß der Gnade, der Seligkeit,
Das uns aus Not und Tod befreit.
Es floss ein Leuchten durch den Raum,
Wie Himmelsglanz im süßesten Traum,
Und alle Herzen beugten sich
Dem Wunder, das so hoch und hehr erschien.
Richard von Kralik: Die Gralsage (1898)
Ebenso nahm er nach dem Mahl diesen erhabenen Kelch in seine heiligen und ehrwürdigen Hände, sagte dir Lob und Dank, reichte den Kelch seinen Jüngern und sprach: Nehmet und trinket alle daraus: Das ist der Kelch des neuen und ewigen Bundes, mein Blut, das für euch und für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden.
aus dem römischen Kanon (Hochgebet) der heiligen Messfeier
Herz-Jesu-Freitag im September 2026.
Der heilige Laurentius ist als großer Märtyrer des dritten Jahrhunderts nach Christus bekannt. Er war Diakon unter Papst Sixtus II und wie dieser starb er – einige Tage nach Sixtus, am 10. August 258 – für das Zeugnis des christlichen Glaubens zur Zeit der Christenverfolgung unter Kaiser Valerius, indem man ihn wegen der Weigerung, die Schätze der Kirche dem Kaiser zu übergeben anstatt den Armen, sowie wegen seines Widerstands gegen die Teilnahme am heidnischen Götzendienst auf einem Rost mit darunter brennendem Feuer zu Tode marterte.
Die Standhaftigkeit des Laurentius bekehrte seinen Kerkermeister, den ebenfalls unter die Märtyrer zu rechnenden heiligen Hippolytus.
Weniger bekannt ist, dass der heilige Laurentius den Kirchenschatz nicht nur unter den Armen verteilte, sondern auch dafür Sorge trug, dass einige besonders wertvolle Reliquien der Kirche von Rom in Sicherheit gebracht wurden, ehe der Kaiser auf sie zugreifen konnte: darunter jener Kelch, den Jesus beim letzten Abendmahl und der Einsetzung der Eucharistie mit seinem kostbaren Blut segnete.
Dieser Kelch verblieb nach der Kreuzigung, Auferstehung und Himmelfahrt Christi beim ersten Papst, dem heiligen Petrus, der ihn schließlich von Jerusalem mit nach Rom brachte.
Er und die Päpste der ersten Jahrhunderte feierten mit diesem besonderen Segenskelch, der wissenschaftlichen Studien zufolge zweifelsfrei aus dem 1. Jahrhundert vor Christus stammt und in Palästina für die Verwendung beim jüdischen Pascha-Fest gefertigt wurde, die heilige Messe. Der oben zitierte römische Kanon bezeugt es. Nur in Rom war es möglich bei den Einsetzungsworten ganz buchstäblich von diesem Kelch zu sprechen, und zu früheren Zeiten war es auch nur der Kirche von Rom erlaubt.
Um die kostbare Reliquie zu schützen, sandte Laurentius, ein gebürtiger Spanier aus Huesca in Aragonien, wo er als Sohn christlicher Eltern aufwuchs, sie im Jahr 258 mit einem Freund aus Spanien in seinen Herkunftsort. Zur Zeit der Eroberung Spaniens durch die Muslime einige Jahrhunderte später wanderte der dunkelrote Achat-Becher in verschiedene Orte im Gebirge der Pyrenäen, sodass er in Sicherheit war. Unter anderem wurde er im abgelegenen Bergkloster San Juan de la Peña aufbewahrt und verehrt.
1399 gelangte er dann in den Besitz des Königs von Aragonien, welcher ihn schließlich der Kathedrale in Valencia übergab – im Jahr 1437. In späteren Jahrhunderten musste der Santo Cáliz noch manche Male vor etwaigen Verfolgern versteckt werden – so zum Beispiel während des Spanischen Bürgerkriegs im 20. Jahrhundert in privaten Wohnungen tiefgläubiger Katholiken.
Grundsätzlich aber erfreut man sich seit vielen Jahrhunderten in Valencia des Privilegs, in einer gesonderten Kapelle der Kathedrale jenen Kelch verehren zu dürfen, den Jesus beim letzten Abendmahl in Händen hielt und der erst Wein, nach der Wandlung dann sein heiligstes Blut umfasste.
Dort, in der Kapelle, schimmert der Santo Cáliz feurig, warm. Fuß und Fassung wurden im Mittelalter gefertigt, um den Becher noch einmal besonders zu schützen und ästhetisch zu rahmen. Wer diesen Kelch des letzten Abendmahls verehren will, um das Blut seines göttlichen Erlösers zu preisen, muss nicht in alten Sagen nach ihm suchen – sondern nach Valencia pilgern.
