Dies sind die goldenen Regeln, die der hl. Johannes vom Kreuz dir zur Verwirklichung der totalen Entsagung vorlegt: ‚Die Seele sei geneigt: nicht zum Leichteren, sondern zum Schwierigeren; nicht zum Schmackhaften, sondern zum Unschmackhaften; nicht zum Ergötzlichen, sondern zum Schweren; nicht zur Ruhe, sondern zur Mühsal; nicht zum Trost, sondern zum Mißtrost; nicht zum Mehr, sondern zum Weniger; nicht zu den vornehmen und kostbaren Dingen, sondern zu den geringen und verächtlichen; nicht zum Wollen, sondern zum Nichtwollen‘ (…). (…) Man muß gegen den Strom schwimmen.
P. Gabriel a S. Maria Magdalena O.C.D. in: Geheimnis der Gottesfreundschaft. Betrachtungen über das innere Leben für alle Tage des Jahres, Band 1, S. 284
Die Zeit der Witwenschaft
„Sexagesima hat seinen Anfang mit dem Sonntag, da man das Amt der Messe anhebt mit den Worten ‚Exsurge, quare obdormis, Domine‘ (Ps. 43,23), und hat ihr Ende am Mittwoch nach Ostern. Diese Zeit ist aufgesetzt zu einem Ersatz, zu einer Bezeichnung und zu einem Gleichnis. Zu einem Ersatz, denn Melchiades der Papst und Sanct Silvester verordneten, daß man des Samstags zweimal esse, damit nicht durch das Fasten des Freitags, das alle Zeit gehalten wird, menschliche Natur zu sehr geschwächt würde. Zum Entgelt für diese Samstage haben sie den Fasten eine Woche zugelegt, und haben sie genannt Sexagesima. Die andere Ursache, darum diese Zeit ist aufgesetzt, ist, daß sie bezeichnen soll ein verwitwetes Leben der Kirche, der ihr Gemahl gen Himmel geführt ist, Christus, den sie in Betrübnis suchet (…). (…) In der Epistel wird die Kirche ermahnt, daß sie, nach Pauli Vorbild, die Betrübnis über die Abwesenheit des Bräutigams geduldiglich soll leiden; in dem Evangelio, daß sie dazu den Samen guter Werke säe.
Legenda Aurea. Das Leben der Heiligen erzählt von Jacobus de Voragine, Gütersloher Verlagshaus, S. 134-135
Auf den Sonntag Septuagesima folgt der Sonntag Sexagesima. Wie oben in der Legenda Aurea beschrieben, wird diese Zeit auch mit der „Witwenschaft“ der Kirche in Verbindung gebracht, was an die Witwe Judit aus dem Alten Testament denken lässt, die schon seit den Tagen der Kirchenväter auch als Bild der Kirche gesehen wird. So ermutigt der heilige Hieronymus im Brief an Salvina dieselbige in ihrem Witwenstand mit folgenden Worten:
Ich denke an Judith, die in der Jüdischen Geschichte eine Rolle spielt, und an Anna, die Tochter Phanuels, die im Lichte des Evangeliums leuchtet. Beide weilten Tag und Nacht im Tempel und wahrten sich durch Gebet und Fasten den Schatz der Keuschheit. Daher schnitt die eine als Vorbild der Kirche dem Teufel das Haupt ab, während die andere als erste den Heiland der Welt auf ihre Arme nahm und mit prophetischem Blicke die zukünftigen Geheimnisse schaute.
heiliger Hieronymus im Brief an Salvina, Kapitel 11
(Judit) hatte sich im oberen Teile ihres Hauses ein abgesondertes Gemach eingerichtet, in dem sie mit ihren Mägden abgeschlossen wohnte; sie trug ein härenes Gewand über ihren Lenden und fastete alle Tage ihres Lebens, ausgenommen die Sabbate, die Neumonde und die Festtage des Hauses Israel. Sie war aber sehr schön von Gestalt und ihr Mann hatte ihr große Reichtümer hinterlassen und ein zahlreiches Gesinde und Besitztümer, reich an Herden von Rindern und Schafen. Bei jedermann hatte sie den besten Ruf, denn sie fürchtete den Herrn sehr und es war niemand, der ein übles Wort von ihr redete.
Judit 8: 5-8
Nach dem Tod ihres Mannes heiratet Judit nicht mehr – wie die Kirche, die zwischen der Himmelfahrt Christi und seiner Wiederkunft als Witwe lebt und keinen anderen Bräutigam haben kann als Christus. „Große Reichtümer“ sind ihr – der Kirche – von ihrem Bräutigam hinterlassen worden, und sie – die Kirche – ist „sehr schön von Gestalt“. Judit ist die von der Welt abgesonderte, betende, fastende, gerechte und keusche Witwe, die Holofernes, den General der feindlichen Armee, der mit Klugheit und Tapferkeit besiegt.
Gib meiner Seele Standhaftigkeit, dass ich ihn verachte, und Kraft, dass ich ihn zu Falle bringe.
Judit 9: 14
Sämann, Saat, Erde und Ernte
Es sind nun noch acht Wochen bis Ostern. Das Evangelium dieser Sonntagsmesse ist das Gleichnis vom Sämann.
Was wir in diesen Tagen der Septuagesima tun müssen, ist, der Sintflut der Weltlichkeit zu entfliehen und in der Arche des Heils Zuflucht zu suchen; wir müssen zu jenem guten Ackerboden werden, der aus dem himmlischen Samen hundertfachen Ertrag hervorbringt.
Dom Prosper Guéranger
Der Sämann im Gleichnis aus dem achten Kapitel des Lukas-Evangeliums ist Jesus Christus selbst. Die Saat, die gesät wird, ist das Wort Gottes – wiederum Jesus Christus selbst, das Fleisch gewordene Wort Gottes.
Der Sämann ging aus, seinen Samen zu säen; und da er säete, fiel einiges an den Weg hin, und wurde zertreten, und die Vögel des Himmels fraßen es. Anderes fiel auf felsigen Grund; und da es aufgegangen, verdorrte es, weil es keine Feuchtigkeit hatte. Anderes fiel unter die Dornen, und die Dornen, die mitaufwuchsen, erstickten es. Anderes fiel auf gute Erde, und ging auf, und gab hundertfältige Frucht.
Lukas 8: 5-8
P. Gabriel a S. Maria Magdalena O.C.D. schreibt in seinen Betrachtungen zu den „vier Arten von Menschen“, die das Gleichnis vorstellt, dass der „festgetretene Weg“ den „leichtfertigen, ausgegossenen Menschen, offen wie die Straße für jedwede Zerstreuung, jedes Gerücht, jede Neuigkeit; offen für den Durchgang beliebiger Geschöpfe und Neigungen“ entspreche.
Kaum ist das Wort Gottes in ihr Herz gefallen, schon raubt es der Feind, der freien Zutritt hat, und hindert es daran, Wurzel zu schlagen.
P. Gabriel a S. Maria Magdalena O.C.D. in: Geheimnis der Gottesfreundschaft. Betrachtungen über das innere Leben für alle Tage des Jahres, Band 1, S. 292
Der „steinige Boden“ wiederum meint die „oberflächlichen Menschen mit einer nur dünnen Schicht guten Erdreichs, das der Sturm der Leidenschaften bald mitsamt dem guten Samen fortreißt“.
Solche Seelen sind leicht begeistert, wissen aber nicht auszuharren (…).
P. Gabriel a S. Maria Magdalena O.C.D. in: Geheimnis der Gottesfreundschaft. Betrachtungen über das innere Leben für alle Tage des Jahres, Band 1, S. 292
Bei jenen, deren Erdreich ein „dorniger Acker“ ist, handelt es sich um „die von irdischen Dingen, Vergnügungen, Geschäften, materiellen Interessen eingenommenen Menschen“, deren „übertriebene Sorge um das Zeitliche“ die „Kraft des Geistes überwuchern“ wird (ibid.).
Alles, was wir zu tun haben, ist, aus dieser göttlichen Lehre Nutzen zu ziehen und zu jenem guten Ackerboden zu werden, in dem der himmlische Same eine reiche Ernte hervorbringen kann. Wie oft haben wir es bislang schon zugelassen, dass er von den Vorübergehenden zertreten oder von den Vögeln des Himmels weggerissen wurde? Wie oft hat er unser Herz schon wie einen Stein vorgefunden, der keine Feuchtigkeit geben konnte, oder wie ein Dornengestrüpp, das ihn nur erstickte?
Dom Prosper Guéranger
Was aber auf die gute Erde fiel, das sind die, welche das Wort hören, und es in aufrichtigem und gutem Herzen behalten, und Frucht bringen in Geduld.
Lukas 8: 15
