Zeichen der Buße
Lasst uns also aufwachen und uns auf den geistlichen Kampf vorbereiten. Doch in diesem Ringen des Geistes gegen das Fleisch brauchen wir eine gute Rüstung. Unsere heilige Mutter, die Kirche, weiß, wie sehr wir sie benötigen; und deshalb ruft sie uns, das Haus Gottes zu betreten, damit sie uns für den heiligen Wettstreit ausrüsten kann. (…)
Wir treten heute in einen langen Feldzug ein, von dem die Apostel gesprochen haben: vierzig Tage des Kampfes, vierzig Tage der Buße. Wir werden nicht zu Feiglingen werden, wenn unsere Seelen nur von der Überzeugung erfasst werden, dass der Kampf und die Buße durchgestanden werden müssen. (…) Die Feinde, gegen die wir kämpfen müssen, sind zweierlei: innere und äußere. Die ersten sind unsere Leidenschaften; die zweiten sind die Teufel.
Dom Prosper Guéranger
Die Kirche segnet uns zur Eröffnung der Fastenzeit vor Ostern, indem geweihte Asche auf das Haupt gestreut wird oder der Priester Asche in Form eines Kreuzes auf die Stirn drückt, welche einmal bei der heiligen Firmung mit dem wohlduftenden Chrisam-Öl bezeichnet worden ist, um uns zu echten Christen und echten Gliedern der Ecclesia militans, der streitenden Kirche, zu machen, gestärkt mit allen Gaben des Heiligen Geistes, auf „dass der Wohlgeruch (der) Erkenntnis (Christi) sich durch uns verbreitet aller Orten“ (2. Kor. 2: 14).
Doch stattdessen ist unser eigentlicher Zustand oft dergestalt, dass wir aufgrund unserer Sünden mit David sagen könnten: „Meine Wunden infolge meiner Torheit sind faul und eitern“ (Ps. 37 (38): 6).
Die Asche ist gewonnen aus dem Verbrennen der gesegneten Palmzweigen des Palmsonntags des vorherigen Jahres.
Der Priester spricht dabei „Gedenke, Mensch: Staub bist du und zum Staub kehrst du zurück“ (Gen. 3: 19), sodass wir an den Sündenfall der ganzen Menschheit und an unsere Sterblichkeit erinnert werden, denn der Tod ist die Strafe für die Sünde Adams und Evas.
Aber die Verwendung von Asche als Symbol der Demut und Buße ist weitaus älteren Datums als die Einrichtung (in der Liturgie der Kirche), auf die wir Bezug nehmen. Häufig finden wir davon Erwähnungen im Alten Testament. Hiob, obwohl ein Heide, bestreute sein Fleisch mit Asche, damit er, so gedemütigt, die göttliche Barmherzigkeit erflehen könne – und das war zweitausend Jahre vor der Ankunft unseres Heilands. Der königliche Prophet berichtet von sich selbst, dass er Asche mit seinem Brot vermischte, wegen des göttlichen Zorns und der Entrüstung. Viele solche Beispiele finden sich in den heiligen Schriften; doch ist die Analogie zwischen dem Sünder, der so sein Leid ausdrückt, und dem Mittel, durch das er es ausdrückt, so offenkundig, dass wir solche Fälle ohne Überraschung lesen. Wenn der gefallene Mensch sich vor der göttlichen Gerechtigkeit demütigen will, die seinen Körper dazu bestimmt hat, wieder zu Staub zu werden, wie könnte er seine reuevolle Annahme des Urteils besser ausdrücken, als indem er sich selbst oder seine Nahrung mit Asche bestreut – dem Staub von durch Feuer verbranntem Holz?
Dom Prosper Guéranger
Derselbe Dom Prosper Guéranger O.S.B. schreibt in seinem Werk zur Liturgie des Kirchenjahres, dass es früher üblich war, barfuß zum Empfang dieser Asche zu gehen, Papst und Kardinäle eingeschlossen.
Wenn der Priester dir das heilige Zeichen der Buße auflegt, empfange im Geist der Unterwerfung das Todesurteil, das Gott selbst über dich spricht (…) Demütige dich und erinnere dich, was die Strafe des Todes über uns gebracht hat: Der Mensch wollte wie ein Gott sein und stellte seinen eigenen Willen über den seines obersten Herrn. Bedenke auch jene lange Reihe von Sünden, die zur Schuld deiner ersten Eltern hinzukamen, und bete die Barmherzigkeit deines Gottes an, der für all diese Übertretungen nur einen Tod fordert.
Dom Prosper Guéranger
Sirach 7: 40
Bei allem, was du tust, gedenke an dein Ende, so wirst du in Ewigkeit nicht sündigen.
Als die Pharisäer und Sadduzäer zum heiligen Johannes dem Täufer an den Jordan kommen, um von ihm die Taufe der Umkehr zu erhalten, warnt dieser, dass sie „würdige Früchte der Bekehrung“ bringen müssen vor Gott und dass „jeder Baum, der keine gute Frucht bringt“ umgehauen und ins Feuer geworfen werde (Mt. 3). Er taufe nur mit Wasser, doch Christus mit dem Heiligen Geist und mit Feuer, und Christus trenne die Spreu vom Weizen.
Wir empfangen an Aschermittwoch eine Art Taufe zur Umkehr mit der verbrannten Asche der Zweige des fast ein Jahr zurückliegenden Jubels beim Einzug Jesu nach Jerusalem.
Jedes Jahr gelten die Mahnungen Johannes des Täufers auch für uns. Es reicht nicht aus, die Asche äußerlich zu empfangen.
Denn es genügt nicht, über die Übel zu weinen, die wir getan haben, wenn wir zugleich nicht diejenigen Dinge meiden, über die geweint werden sollte.
Tatsächlich bringen wir dann Früchte hervor, die der Buße würdig sind, wenn wir über vergangene Übel so klagen, dass wir nicht wieder zu ihnen zurückkehren.
heiliger Gregor der Große
Ziel der körperlichen Buße ist die geistige Buße, nämlich die Demut, die Erkenntnis der eigenen Schuld, die Zerknirschung des Herzens, die Besserung des Lebens.
P. Gabriel a S. Maria Magdalena O.C.D. in: Geheimnis der Gottesfreundschaft. Betrachtungen über das innere Leben für alle Tage des Jahres, Band 1, S. 326
Wüste, drei Versuchungen und drei Mittel, die Zahl Vierzig
Da wurde Jesus vom Geiste in die Wüste geführt, um vom Teufel versucht zu werden. Als er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, hungerte ihn zuletzt.
Matthäus 4: 1
Mit Aschermittwoch beginnen die heiligen vierzig Tage der Vorbereitung auf das heilige Paschafest in Nachahmung der vierzig Tage und Nächte, die Jesus geführt vom Heiligen Geist in der Wüste fastete, um sich aus freiem Willen in den Zweikampf mit dem Teufel zu begeben.
In der vom heiligen Thomas von Aquin erstellten Catena Aurea – einer Sammlung von Kommentaren der Kirchenväter zu den Evangelien – heißt es bei der oben zitierten Stelle aus dem Matthäus-Evangelium unter anderem:
Nicht nur Christus wird vom Geist in die Wüste geführt, sondern auch alle Kinder Gottes, die den Heiligen Geist haben. Denn sie sind nicht zufrieden damit, untätig zu bleiben, sondern der Heilige Geist regt sie an, ein großes Werk zu übernehmen, das heißt, hinaus in die Wüste zu gehen, wo sie dem Teufel begegnen werden; denn es gibt keine Gerechtigkeit, die dem Teufel gefällt.
Catena Aurea
Gebet, Fasten und Almosengeben sind die drei Waffen im Kampf gegen drei Versuchungen, die im ersten Johannesbrief angesprochen werden (1. Joh. 2: 16): Gebet als Akt der Demut bekämpft die „Hoffart des Lebens“, Fasten züchtigt den Körper, überwindet die Trägheit und zähmt die „Fleischeslust“ und das Geben von Almosen, die Werke der Barmherzigkeit helfen gegen die „Augenlust“, gegen Laster wie Eitelkeit, Neid, Gier und Geiz.
Der heilige Augustinus hat die drei Versuche des Teufels, Jesus in der Wüste zu verführen, mit den drei im Johannesbrief erwähnten Versuchungen verknüpft:
Auf drei Arten aber wurde der Herr vom Teufel versucht: durch die Begierde des Fleisches, als gesagt wurde: ‚Sprich, dass diese Steine zu Broten werden‘; durch die Begierde der Augen, als ihm alle Reiche der Welt gezeigt wurden; durch den Hochmut des Lebens, als gesagt wurde: ‚Stürze dich hinab.‘
heiliger Augustinus von Hippo
Jesus warnt uns, nicht „wie die Heuchler“ zu beten, sondern zum Vater „im Verborgenen“; auch nicht „wie die Heuchler“ zu fasten, sondern so, dass „die Leute nicht sehen“, dass man fastet; sowie die Gerechtigkeit des Almosengebens nicht „vor den Menschen“ zu üben, sondern „im Verborgenen“ (Mt. 6). Der verschärfte Kampf mit diesen Waffen in den heiligen vierzig Tagen ist also ein vor den Augen der Welt verborgener, ein unsichtbarer und sozusagen geheimer Kampf.
Sei nicht kleinmütig in deinem Herzen. Versäume nicht zu beten und Almosen zu geben.
Die Glut des Feuers löscht das Wasser und das Almosen steht den Sünden entgegen und Gott ist der Beschützer dessen, der Barmherzigkeit übt (…).
Sirach 7: 9-10; 3: 33-34
Besser ist Gebet mit Fasten und Almosen, als Schätze Goldes aufzuhäufen; denn Almosen geben errettet vom Tode und tilgt die Sünden und lässt Erbarmung und ewiges Leben finden.
Tobit 12: 8-9
Die Zahl vierzig begegnet uns in der Heiligen Schrift häufig: Bei der Sintflut zur Zeit Noahs regnete es vierzig Tage und Nächte.
Vierzig Tage und Nächte fastete Moses auf dem Berg Sinai, als er die „zehn Worte des Bundes“ (Ex. 34: 28) auf Tafeln erhielt; dieselbe Zeitspanne pilgerte Elias ohne weitere Speise zum Berg Horeb.
Das Volk Israel wanderte vierzig Jahre durch die Wüste, ehe es das verheißene Land erreichte. Dies war die Strafe für das fehlende Gottvertrauen des Volkes, denn zuvor hatten zwölf Kundschafter das verheißene Land vierzig Tage lang ausgekundschaftet, doch von diesen zwölf blieben nur Josua and Kaleb Gottes Zusagen treu, während zehn der Späher einen so entmutigenden Bericht kund taten, dass das Volk zu murren begann, gegen Moses und Aaron rebellierte und lieber nach Ägypten zurückgekehrt wäre als das verheißene Land einzunehmen.
Der Prophet Jona kündigte der Stadt Ninive den Untergang in vierzig Tagen an – doch Ninive kehrte um, in Sack und Asche.
Goliath, der Philister, der Widersacher Israels, schließlich von Davids Steinschleuder besiegt, „erschien morgens und abends und trat vierzig Tage lang hin“ (1. Sam. 17: 16).
Die Könige Saul, David und Salomon regierten je vierzig Jahre lang.
Jesus aber, nach Seinem Leiden und Seiner Auferstehung, blieb vor Seiner Aufnahme in den Himmel zur Rechten des Vaters noch vierzig Tage bei den Aposteln und Jüngern – „denen er auch nach seinem Leiden durch viele Beweise als lebend sich zeigte, da er ihnen vierzig Tage hindurch erschien, und vom Reiche Gottes redete“ (Apg. 1: 3).
Der Sonntag Quadragesima ist der erste Sonntag der heiligen Fastenzeit, der Sonntag nach Aschermittwoch. Von diesem Sonntag an sind es zweiundvierzig Tage bis Ostern, also sechs Wochen, jedoch nur sechsunddreißig Fastentage, da an den Sonntagen nicht gefastet wird, weshalb man Mittwoch bis Samstag der Vorwoche als vier weitere Fastentage hinzugefügt hat, sodass es vierzig Tage der körperlichen und geistigen Buße sind.
In der Goldenen Legende heißt es, „daß Matthäus vierzig Geschlechter zählt“, somit „unser Erlöser Christus zu uns herabgestiegen ist durch die Zahl Vierzig“ – daher:
(…) sollen wir durch die Fasten dieser vierzig Tage zu ihm emporsteigen.
Legenda Aurea. Das Leben der Heiligen erzählt von Jacobus de Voragine, Gütersloher Verlagshaus, S. 137
Außerdem:
Die Welt ist in vier Teile geteilet, und das Jahr in vier Zeiten, und der Mensch ist aus vier Elementen zusammengesetzt und aus vier Complexionen. Wir aber haben das neue Gesetz in den vier Evangelien übertreten und auch das alte, die zehn Gebote. Also muß man die zehn viermal setzen, damit wir Vierzig erfüllen: das ist, die Gebote des alten und neuen Gesetzes in aller Zeit unres Lebens halten.
Legenda Aurea. Das Leben der Heiligen erzählt von Jacobus de Voragine, Gütersloher Verlagshaus, S. 137
Wir sollen, heißt es dort weiter, „das bittere Kraut der Reue und Kasteiung unsres Leibes an uns nehmen“ wie „die Altväter sich kasteieten, bevor sie das Osterlamm empfingen, und zuvor bittere Kräuter aßen, als wilden Lattich“ (ibid., S. 138).
Damit spielt der Autor Jacobus de Voragine auf die traditionelle Ordnung des Pascha-Mahles an: Zuerst werden immer die bitteren Kräuter gegessen, von denen auch im 12. Kapitel des Buch Exodus die Rede ist und die an die Leiden der Sklaverei in Ägypten erinnern, dann erst das makellose Lamm der Erlösung, dessen Blut wie einst bei Gottes Gericht über Ägypten vor dem Tode bewahrt.
Ein unverzichtbares Mittel und die Teilnahme an Christi Leiden
Pater Gabriel a S. Maria Magdalena O.C.D. weist in Geheimnis der Gottesfreundschaft (S. 319-320) darauf hin, dass die heilige Teresa von Avila der Ansicht war, dass „Gebet und Weichlichkeit“ nicht zusammengehen. Er mahnt, dass wir lernen sollten, „jede Zimperlichkeit im Essen, in der Kleidung, im Ruhen und in der Bequemlichkeit“ abzulegen, da die körperliche Abtötung „ein schlechthin unentbehrliches Mittel für das geistliche Leben“ sei.
Es wäre eine Illusion, zu denken, man könnte zur innigen Vertrautheit mit Gott gelangen ohne ernste Übung körperlicher Abtötung.
P. Gabriel a S. Maria Magdalena O.C.D. in: Geheimnis der Gottesfreundschaft. Betrachtungen über das innere Leben für alle Tage des Jahres, Band 1, S. 319
Buße, Umkehr vor Ostern, Bekämpfung der Trägheit, der Bequemlichkeit und der Laster, Übung der Tugenden sowie Wiedergutmachung und Sühne sind nicht nur für das Heil unserer eigenen Seele notwendig, sondern erwirken auch Gnaden für andere Seelen, die derselben dringend bedürfen, um in einem entscheidenden Moment schließlich doch den Weg des Lebens anstatt den Weg des Todes wählen zu können.
Wie das Evangelium zu Quinquagesima es verkündet hat, sind wir nun mit Jesus auf dem Weg nach Jerusalem, pilgern mit Ihm zur Via Dolorosa, zum Kalvarienberg, zum Pascha des Lammes Gottes.
Wer wirklich liebt, verlangt unwillkürlich nach Teilnahme an den Leiden des Geliebten. (…) Jesus will in uns seine Passion fortsetzen, um uns seinem Erlösungswerk beizugesellen, uns zu seinen Mitarbeitern am erhabensten seiner Werke zu machen, an der Rettung der Seelen.
P. Gabriel a S. Maria Magdalena O.C.D. in: Geheimnis der Gottesfreundschaft. Betrachtungen über das innere Leben für alle Tage des Jahres, Band 1, S. 322-323

