Die Goldene Legende bezeichnet die Zeit Quinquagesima, die am gleichnamigen Sonntag beginnt und bis zum Ostertage dauert, als „Zeit des Ablasses“. Noch sieben mal sieben Tage bis Ostern.
Seht, wir ziehen hinauf nach Jerusalem, und alles wird in Erfüllung gehen, was die Propheten über den Menschensohn geschrieben haben: Er wird den Heiden ausgeliefert, verspottet, misshandelt und angespien werden. Man wird ihn geißeln und dann töten; doch am dritten Tage wird er auferstehen.
aus dem Evangelium zum Sonntag Quinquagesima
(Lukas 18)
Zeit des Ablasses
(…) denn sie bedeutet die Zeit des Ablasses, das ist: der Buße, da alle Schuld vergeben wird. Denn im alten Bund war jedes fünfzigste Jahr ein Jubeljahr, ein Jahr der Vergebung; da ward alle Schuld erlassen und wurden alle Sklaven freigegeben und kamen alle wieder zu ihrem Besitz und Erbe. Damit soll bezeichnet werden, daß durch die Buße alle Sünden vergeben werden, und werden alle Menschen von dem Dienst des Teufels frei, und kehren heim zu dem Besitz der himmlischen Wohnungen. (…)
(…) Quinquagesima bezeichnet nicht nur die Zeit des Ablasses, sondern auch die Zeit der Seligkeit. Denn im fünfzigsten Jahr wurden die Sklaven freigelassen; am fünfzigsten Tag nach der Opferung des Passahlammes ward den Juden das Gesetz gegeben; am fünfzigsten Tag nach Ostern ward der heilige Geist ausgegossen: also ist in dieser Zahl alle Seligkeit beschlossen; da soll sein Freiheit von Knechtschaft, Erkenntnis der Wahrheit, Vollendung in himmlischer Liebe. Dazu sind uns drei Dinge notdürftig, die uns im Evangelio und in der Epistel werden vorgelegt, auf daß die Werke unserer Buße vollkommen seien: das eine ist die göttliche Minne, zu der wir in der Epistel werden bewegt; das andre ist das Gedächtnis der Leiden Christi; das dritte ist ein fester Glaube, der wird durch die Heilung des Blinden bezeichnet; von diesen zweien spricht das Evangelium; denn der Glaube macht die Werke genehm gegen Gott, weil ohne den Glauben kein Werk Gott wohlgefallen mag; die Andacht des Leidens Jesu Christi aber macht die Werke leicht. (…) Göttliche Minne macht den Menschen fleißig an den Werken. (…)
Die Zeit Quinquagesima endiget an dem Ostertage, wie zuvor gesagt ist, dieweil die Buße den Menschen läßt auferstehen zu einem neuen Leben. Auch betet man in dieser Zeit gar oft den 50. Psalm Miserere mei Deus, welcher ist der Psalm der Buße und des Ablasses.
Legenda Aurea. Das Leben der Heiligen erzählt von Jacobus de Voragine, Gütersloher Verlagshaus, S. 136-137
Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei: am größten aber unter ihnen ist die Liebe.
aus der Epistel-Lesung zum Sonntag Quinquagesima
(1. Korinther 13)

Das Fasten der Priester
(…) denn wir sollten eigentlich vierzig Tage fasten, wie Christus tat, und sind doch nur sechsunddreißig Tage, die wir fasten, da an den Sonntagen der Zeit gemeiniglich nicht gefastet wird, dem heiligen Ostertag zu Ehren, da wir uns über die Auferstehung freuen (…).
(…) Also hat man vier Tage dazu gelegt zur Erfüllung der Sonntage. Nun wollten aber die Priester, wie sie würdig vor dem Volk sind in ihrem Amt, auch an Heiligkeit mit Fasten wider Gott voranstehen, und haben sich selbst noch zwei Tage zugelegt zu den vieren, und also ward eine Woche daraus, die heißt Quinquagesima (…).
Legenda Aurea. Das Leben der Heiligen erzählt von Jacobus de Voragine, Gütersloher Verlagshaus, S. 135-136
Vierzig Stunden Andacht zur Wiedergutmachung in den Tagen des Karnevals
Wir geben zu, dass an diesen drei Tagen unmittelbar vor der Bußzeit der Fastenzeit für jene unzähligen Seelen Vorsorge getroffen werden musste, die kaum ohne irgendeine äußere Erregung leben zu können scheinen. Die Kirche kommt diesem Bedürfnis entgegen. Sie bietet einen Ersatz für leichtfertige Vergnügungen und gefährliche Freuden; und jene ihrer Kinder, bei denen der Glaube seinen Einfluss nicht verloren hat, werden in dem, was sie ihnen darbietet, ein Fest finden, das alle irdischen Genüsse übertrifft, und ein Mittel, Gott Wiedergutmachung zu leisten für die Beleidigungen, die seiner göttlichen Majestät während dieser Karnevalstage zugefügt werden.
Das Lamm, das die Sünden der Welt hinwegnimmt, ist auf unseren Altären ausgesetzt. Hier, auf diesem Thron seiner Barmherzigkeit, empfängt er die Huldigung derer, die kommen, um ihn anzubeten und ihn als ihren König anzuerkennen; er nimmt die Reue jener an, die ihm sagen, wie sehr sie es beklagen, je einem anderen Herrn als ihm gefolgt zu sein; er opfert sich seinem ewigen Vater für arme Sünder, die nicht nur seine Gnaden mit Gleichgültigkeit behandeln, sondern während dieser Tage mehr als zu irgendeiner anderen Zeit des Jahres entschlossen scheinen, ihn zu beleidigen.
Der fromme Kardinal Gabriel Paleotti, Erzbischof von Bologna, war es, der zuerst die bewundernswerte Andacht der Vierzig Stunden einführte. Er war ein Zeitgenosse des heiligen Karl Borromäus und zeichnete sich wie dieser durch seinen seelsorglichen Eifer aus. Sein Ziel bei dieser feierlichen Aussetzung des Allerheiligsten Sakraments war es, der göttlichen Majestät eine gewisse Genugtuung für die Sünden der Menschen darzubringen und gerade zu der Zeit, in der die Welt am eifrigsten seinen Zorn verdient, ihn durch den Anblick seines eigenen Sohnes, des Mittlers zwischen Himmel und Erde, zu besänftigen.
Der heilige Karl führte diese Andacht sogleich in seiner eigenen Diözese und Kirchenprovinz ein. Dies geschah im sechzehnten Jahrhundert. Später, nämlich im achtzehnten Jahrhundert, war Prosper Lambertini Erzbischof von Bologna; er setzte den frommen Plan seines alten Vorgängers Paleotti eifrig fort, indem er seine Gläubigen zur Verehrung des Allerheiligsten Sakraments während der drei Karnevalstage anhielt; und als er unter dem Namen Benedikt XIV. zum Papst erhoben wurde, gewährte er allen, die in diesen Tagen unseren Herrn in diesem Geheimnis seiner Liebe besuchen und für die Vergebung der Sünder beten würden, zahlreiche Ablässe. Diese Gunst war zunächst auf die Gläubigen des Kirchenstaates beschränkt; doch im Jahr 1765 wurde sie von Papst Clemens XIII. auf die ganze Kirche ausgedehnt.
So hat sich die Andacht der Vierzig Stunden über die ganze Welt verbreitet und ist zu einem der feierlichsten Ausdrucksformen katholischer Frömmigkeit geworden. Nutzen wir also, die wir die Gelegenheit dazu haben, diese letzten drei Tage unserer Vorbereitung auf die Fastenzeit. (…)
Die alten Liturgiker sagen uns, dass der in eben diesem Evangelium erwähnte Blinde von Jericho ein Sinnbild jener armen Sünder ist, die während dieser Tage blind für ihre christliche Würde sind und sich in Ausschweifungen stürzen, wie sie selbst das Heidentum kaum begehrt hätte.
Der Blinde erhielt sein Augenlicht wieder, weil er sich seines elenden Zustandes bewusst war, Heilung wünschte und sehen wollte. Die Kirche möchte, dass auch wir ein solches Verlangen haben, und sie verheißt uns, dass es uns gewährt werden wird.
Dom Prosper Guéranger
Jesus, Sohn Davids, erbarme dich meiner!
aus dem Evangelium zum Sonntag Quinquagesima
(Lukas 18)
Byzantinische Fastenzeit: Beginn des Verzichts auf Milchprodukte
In der griechischen Kirche wird dieser Sonntag Tyrophagos genannt, weil es der letzte Tag ist, an dem der Genuss von weißen Speisen – oder wie wir sagen: Milch- und Molkenspeisen – erlaubt ist.
Mit dem morgigen Tag ist deren Verzehr verboten, denn dann beginnt die Fastenzeit – und zwar mit der ganzen Strenge, mit der die orientalischen Kirchen sie beobachten.
Dom Prosper Guéranger
