Das mittlerweile gemeinfreie Werk Zurück zur Messe! von Prälat Robert Mäder aus dem Jahr 1937 enthält viele hilfreiche und prägnant-pointierte Gedanken zur heiligen Messe.
Im zweiten Teil wird es in einigen Auszügen aus Mäders Schrift um den Gedanken der Wandlung gehen.
Die Wandlung ist nicht nur das Zentrum des katholischen Gottesdienstes. Sie ist auch der Zentralgedanke des Christentums. Es gibt keine Messe ohne Wandlung, aber es gibt auch kein Christentum ohne Wandlung.
Robert Mäder
Sinn der Wandlung – Tat und Leiden
Die Messe ist die Wandlung. Alles andere im Gottesdienst ist nur vorbereitend und vollendend. Der Höhepunkt, die Seele der ganzen Opferhandlung ist die Wandlung. Die Messe ist der Wandlung wegen da. Die Priester werden der Wandlung wegen geweiht. Die katholischen Kirchen werden der Wandlung wegen gebaut.
Robert Mäder
Die Wandlung, das erhabene Mysterium Fidel, das große Geheimnis des Glaubens, ist die Verbindung höchster Aktivität und tiefster Passivität.
Die Messe ist höchste Aktivität. Messe ist Actio. Handlung. Handlung in dreifacher Abstufung: Opferzubereitung, Opferdarbringung, Opfermahlzeit. Vor allem aber die Wandlung ist Tat. Totale Hingabe der Schöpfung an den Schöpfer. Feierliche Anerkennung der allerersten Tatsache: Es ist ein Gott. Es ist ein Erschaffer des Himmels und der Erde. Es ist ein Herr und Eigentümer aller Dinge. (…)
Die Messe ist höchste Aktivität Christi. (…) Die katholische Kirche ist der fortlebende und fortwirkende Christus in Verbindung mit Seinem mystischen Leib, der Gemeinschaft der Gläubigen. (…) Der katholische Gottesdienst ist darum vor allem eine Actio Christi. Eine Tat Christi. Die Messe ist in erster Linie Christus. (…) Erhabenste Tat Christi. Vollkommene Hingabe an den Willen des Vaters.
Die Messe höchste Aktivität des Priesters! Der Priester ist Vikar. Stellvertreter Christi. (…) Vom letzten Kaplan bis hinauf zum Papst sind alle Vikare Christi. (…) Der Vikar geht nicht eigene Wege. (…) Der Priester geht die Wege Christi. Wenn der Priester zur Wandlung kommt, wenn er die Hostie in die Hand nimmt, um sie zu konsekrieren, dann nimmt er auch sein eigenes Ich, seinen Leib, sein Blut, seine Seele, seine ganze Persönlichkeit, gleichsam in seine Hände, um sich mit einem Akte idealer Hingabe wie Christus ganz in den Dienst des Allerhöchsten und damit in den Dienst des Volkes zu stellen. (…)
Die Messe höchste Aktivität des christlichen Volke. (…) Der Gottesdienst soll nicht nur angehört, sondern mitgemacht werden. (…) Die Wandlung die Huldigung, die Huldigung des katholischen Volkes an die göttliche Oberherrschaft über alle Kreatur!
Die Messe hat eine Kehrseite. Sie ist nicht nur höchste Opfertat durch das Priestertum, sie ist auch tiefster Opferzustand durch die Hostie. Man versteht die Messe erst, wenn man dieses in der Hostie liegende Element der Passivität, des Opfers und des Leidens versteht. Was ist die Hostie? Der gekreuzigte Christus. (…) Christus liegt mit Seinem ganzen Sein und Wollen in den Händen des Vaters. (…) Der Herr des Himmels und der Erde im Zustand der größten Passivität! Aber durch dieses Geheimnis des Kreuzes hat Christus die Welt erlöst. Das Größte ist nicht die Aktivität Christi. Das Größte ist die Passivität Christi vom Oelberg bis hinauf zum Kalvarienberg. Und dieses Größte ist es, was in der Hostie fortlebt. (…)
Der Priester ist eine Hostie. (…) Er muß sich im Moment der Wandlung auch als persönliche Hostie fühlen. (…)
Mitmachen heißt auch mitleiden. Sinn haben für die passiven Tugenden des Christentums, für das Opfer, für das Hostiesein. Das Leben des Christen ist eine Messe. Und es gibt keine Messe ohne Opferdarbringung.
Robert Mäder: Zurück zur Messe! Verlag Nazareth 1937, S. 81-86
Wandlungsglocke – alles erneuern in Christus
Das Christentum will mehr sein als bloße Außenreform und Fassadendekoration. Das Christentum ist das Radikalneue, das Uebermenschliche, die Vergöttlichung des Menschengeschlechtes. Ein ununterbrochenes Verwandlungswunder. Ein fortdauerndes Kana, wo das Wasser zum Wein, das Irdische zum Himmlischen, das Menschliche zum Göttlichen wird. Bis alles neu ist in Christus!
Robert Mäder
Gott ist der Seiende. Der Mensch ist der Werdende. Das Gesetz der Gottheit, wenn man so sagen darf, ist die Vollkommenheit. Das von Ewigkeit her Sein. Das Ganzsein. Denn bei Gott gibt es keinen Wechsel und keinen Schatten von Veränderlichkeit (Jak. 1, 17). Das Gesetz des Menschen aber ist der Fortschritt und die Entwicklung. Das Neuwerden und Ganzwerden. Die Wandlung!
Weil es einen Gott und einen Teufel gibt, darum gibt es auch ein doppeltes Gesetz der Wandlung. Ein göttliches und ein dämonisches.
Das göttliche Wandlungsgesetz besteht darin, daß der Mensch, der Sohn der Erde, durch Christus zum Kinde Gottes umgestaltet, also vergöttlicht wird.
Das dämonische Wandlungsgesetz seinerseits besteht darin, daß der Mensch, das vernunftbegabte Geschöpf Gottes durch Luzifer den Antichristus zum Gegengott gemacht, also vergöttert wird.
Endziel der göttlichen Verwandlung des Menschen ist der Himmel. (…) Endziel der dämonischen Verwandlung des Menschen ist die Hölle. (…)
Wir wollen nicht bloß Menschen sein. Uns allen liegt das Gottwerdenwollen im Blut. Es ist die radikale treibende Kraft irdischer Entwicklung. Der Unterschied liegt nur darin, ob wir es auf dem Wege des Christentum, d.h. des Gehorsams oder auf dem Wege des Satanismus, d.h. der Empörung zu erreichen versuchen. Vergöttlichung oder Vergötterung des Menschen, das ist die Frage. (…)
Wandlung ist das Radikalste und Totalste, was es gibt. Transsubstantiation. Wesensveränderung. An die Stelle des Brotes tritt in der liturgischen Wandlung der Leib und das Blut des Herrn, die Menschheit und Gottheit Jesu, der ganze Christus. Nur die Brotesgestalt bleibt.
So soll es auch in gewissem Sinn bei der aszetischen Wandlung des einzelnen Christen und bei der sozialen Wandlung der Christenheit sein. Es muß eine Art Transsubstantiation vor sich gehen. Etwas wie Wesensveränderung des sogenannten christlichen Abendlandes. An die Stelle des modernen Selbstanbeters und Selbsterlösers tritt Christus. Der Gnadenmensch. (…)
Nur eine christusgewordene Christenheit wird das zur Weltmacht gewordene Neuheidentum überwinden. Nur wenn wir Christen wieder christianisiert. Nur wenn wir Christen katholisch. Erst nach der Wandlung! Erst wenn die andern das Wasser kosten, welches zu Wein geworden.
Die Wandlungsglocke ist eine Sterbeglocke. Der Altar ist ein Sterbelager. Opfer ist das freiwillig in den Tod Dahingegebene. Das Opfer anerkennt tatsächlich, was der erste Mensch in der entscheidungsvollen Stunde der Menschheit unter dem verbotenen Baum nicht anerkennen wollte, die allerhöchste Herrschaft Gottes über Seine Schöpfung, das absolute vollständige Eigentumsrecht über jegliche Kreatur, das unbedingte Verfügungsrecht über jedes Leben.
Oberste Herrschaft Gottes über alles Seiende kommt am schärfsten zum Ausdruck in der Hingabe des Lebens. Die Vernichtung, der Tod ist das Ausschlaggebende am Opfer, so daß überall dort, wo nicht der Tod auf den Altar herniederstieg, von einem Vollopfer keine Rede sein kann. Die Wahrzeichen des Opfertodes sind das Feuer und das Blut! Erst wo Feuer auf dem Altar lodert, erst wo Blut fließt, ist ganze restlose Vernichtung, Opfer im Vollsinn. (…)
Höchste Anerkennung der Oberherrschaft Gottes über die Schöpfung haben wir erst, wenn ein Mensch auf den Altar steigt und Opfer wird. Das geschah am Karfreitag, als der Gottmensch Leben und Blut für uns hingab. Dieses Opfer nun wiederholt sich täglich auf den katholischen Altären. Es ist das immerwährende Opfer des Neuen Bundes geworden.
Wir haben gesagt: Die Wandlungsglocke ist eine Totenglocke. Der Altar ist ein Sterbelager. (…) Wenn der Priester am Altar die Wandlungsworte spricht, stirbt das Brot. Das Wesen der aus Getreide bestehenden Opfergabe hört auf zu bestehen. Es ist kein Brot mehr da. Nur noch der Schein davon, die sogenannte Gestalt.
Aber das ist nicht alles. Neben dem Tod der Brotessubstanz tritt ein geheimnisvoller mystischer Tod des glorreichen Leibes unseres Herrn ein. Die glorreiche Menschheit Jesu Christi, das Meisterwerk der göttlichen Allmacht und Liebe, die Freude und Seligkeit des Himmels, die Sehnsucht aller Engel und Heiligen, tritt in den Zustand der äußersten Erniedrigung und Vernichtung. Sie verzichtet auf alle äußeren Lebenszeichen. (…) Das ist der mystische Tod.
Die Wandlungsglocke soll nicht nur den mystischen Tod Christi ankünden, sie muß auch den aszetisch-mystischen Tod der Gläubigen anzeigen. Bei der Wandlung soll der alte Mensch in ihnen sterben. Der hl. Paulus spricht davon sehr schön und eindringlich in seinem Römerbrief (Kap. 6). Wir wissen, sagt er, daß unser alter Mensch in Christus mutgekreuzigt worden ist, auf daß der Leib der Sünde vernichtet werde und wir nicht mehr der Sünde dienen.
Wir sind mit Ihm in der Aehnlichkeit des Todes innigst verbunden. Wir sind mit Ihm auf den Tod mitbegraben. Dieses Mitsterben und Mitbegrabenweden ist nie wahrer als bei der hl. Messe. Zur Messe gehen, heißt auf den Kalvarienberg gehen. Zur Messe gehen heißt sterben mit Christus, dem alten Menschen nach. (…) Man kann nicht im Ernst zur Messe gehen und als alter Mensch nach Hause gehen, hochmütig, lieblos, zornmütig, sinnlich wie früher. Denk dran, wenn die Wandlungsglocke läutet: Die Wandlung ist der Tod des alten Menschen!
Die Wandlungsglocke soll auch den Geburtstag des neuen Menschen ankünden. Man stirbt in der Kirche nicht um zu sterben, sondern man stirbt, um zu leben. (…) Man kann das nicht genug wiederholen: Das Ziel der kirchlichen Seelsorge ist der übernatürliche, der vergöttlichte, der aus dem Glauben, der Hoffnung und der Liebe lebende neue Mensch, der Mensch der Gnade. Also Wandlung! Das Ideal des neuen Menschen Christus! Der Christ ein neuer Christus! Nachfolger, Nachahmer, Nachbild von Jesus! (…)
Das will die Wandlung. Keine Messe ohne Wandlung! Kein christliches Leben ohne Wesensveränderung des rein natürlichen Menschen in ein lebendiges Abbild Jesu! Das ist ein Werk der Gnade. Verwandeln kann keine Menschenmacht.
Robert Mäder: Zurück zur Messe! Verlag Nazareth 1937, S. 95-103
Das Feuer der Wandlung
Die heilige Messe ist nicht nur eine religiöse Uebung des Christen, sondern der Mittelpunkt seiner Religion und die Wandlung ihr Höhepunkt.
Robert Mäder
Die Priesterweihe ist etwas Lebensgefährliches. Ich sage das gleiche von der heiligen Wandlung. Die Wandlung fordert vom Priester zunächst unblutige aber totale Hingabe des Leibes und der Seele an den ewigen heiligen Gott. Persönlichkeitshingabe. Wie es im Hauptgebot steht. Von ganzem Herzen. Von ganzer Seele. Von ganzem Gemüte. Aus allen Kräften.
Die Wandlung ist eine fortdauernde Erziehungsschule zur Ganzhingabe. Sie sagt: Gott das Erste! Gott das Beste! Gott das Ganze! Leib und Seele! Gott die ganze Intelligenz! Gott die ganze Willenskraft! Gott die ganze Liebe! Gott die ganze Leiblichkeit, jedes Wort der Zunge, jede Tat der Hand, jeder Schritt des Fußes. (…)
Die Wandlung ist ein Feuer. Wer ihm nahe kommt, der muß brennen. Das gilt auch für die, die mitmachen. Für die Gläubigen. (…) Keine Katholische Aktion, kein lebendiges katholisches Mitmachen in Handel und Wandel, ohne lebendiges Mitmachen bei der Messe, bei der Wandlung. Auch das Volk muß bei der Wandlung sagen: Das ist mein Leib, der für Gott, Christus, Kirche hingegeben wird. Man muß aus der Wandlung heraus den Opfermut holen, für Christus und Kirche vollkatholisch zu leben und zu handeln. Mit Leib und Seele! Bis zum End.
Es lebe die heilige Messe! Durch die heilige Messe zurück zum vollen Christentum! (…) Durch und mit Christus zurück zum Vater im Opfer eines gottgeweihten Lebens! Durch und mit Christus zurück zum Vater im Opfer eines gottgeweihten Sterbens.
Robert Mäder: Zurück zur Messe! Verlag Nazareth 1937, S. 106-107; 109
